Preis
24,00 €
Der renommierte Journalist Jochen Buchsteiner holt in Wir Ostpreußen einen verdrängten Teil der deutschen Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Sein Buch ist eine kluge und eindrucksvolle Mischung aus Familienchronik und historisch fundierter Zeitanalyse.

Im Alter von fast neunzig Jahren erfüllt Else Buchsteiner endlich eine dringende Bitte ihres Enkels Jochen. Auf mehr als sechzig eng beschriebenen Seiten erinnert sie sich an die Flucht aus ihrer Heimat Ostpreußen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Bericht beginnt mit den Worten: „Mehrmals habe ich einen Anfang gemacht. Immer endete es in Tränen. Nichts war verkraftet, alles in mir fest verschlossen, verdrängt.“

Am 26. Januar 1945 steht die russische Armee nur wenige Kilometer entfernt von den beiden Familiengütern Götzlack und Kukehnen im nördlichen Ostpreußen. Die 35-jährige Gutsbesitzerin Else ist auf sich allein gestellt, ihr Mann hat den Krieg nicht überlebt. Sie muss nicht nur sich selbst und ihre verwitwete Mutter retten, sondern mehr als achtzig Menschen, die zur „Dienstfamilie“ aus Hauspersonal, Feldarbeitern und Flüchtlingsfamilien aus Tilsit gehören. Eine dramatische, höchst gefährliche Flucht in den Westen beginnt, die erst fünf Monate später enden wird. Dazwischen liegen Hunger und Frost, Beschuss von Flugzeugen, Chaos, Elend und Tod.
Der renommierte Journalist Jochen Buchsteiner, der bei der FAS als Korrespondent arbeitet, macht den Bericht seiner Großmutter in Wir Ostpreußen zur Grundlage eines fesselnden, sehr persönlichen Buches. Er wechselt zwischen den Erlebnissen der Flucht und politisch-historischen Betrachtungen zur ehemaligen deutschen Provinz Ostpreußen. Mehrfach besucht der Autor das Land seiner Vorfahren, spricht mit den Menschen vor Ort. Mit dem Untertitel „Eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte“ betont er, dass die furchtbaren Erlebnisse seiner Großmutter kein Einzelfall waren. Bis zu 14 Millionen Menschen wurden aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands vertrieben.

Sehr klug und differenziert geht Buchsteiner auf die wechselhafte, über Jahrhunderte verlaufende Geschichte Ostpreußens ein: von Kant in Königsberg über die frühen großen Wahlerfolge der NSDAP bis zum hoch aufgerüsteten militärischen Stützpunkt unter Putins Herrschaft. Er räumt dabei mit vielen Vorurteilen auf und stellt zugleich die Frage, warum die ehemalige deutsche Provinz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist. Buchsteiners Antwort trifft einen bitteren Kern. Er analysiert einen „verkürzten Blick auf die Vergangenheit“, ein „unausgeglichenes Selbstverständnis“, das wenig Platz für Stolz und Schmerz lasse.
Alles scheint in Ostpreußen ein bisschen extremer auszufallen als anderswo: Aufbau und Zerstörung, Blüte und Verfall. Kaum ein Ort riss die Menschen mit seiner natürlichen Schönheit und Harmonie derart hin, und kaum irgendwo sonst offenbarte sich der menschliche Abgrund auf entsetzlichere Weise.

Wir Ostpreußen ist eine gelungene Mischung aus Familienchronik, persönlichen Erlebnissen, Reportage und politischem Essay. Das Buch bringt Licht in das „Land der dunklen Wälder“, wie der Schlusschoral im „Oratorium der Heimat“ heißt, der auch noch nach Kriegsende von vielen Vertriebenen als hymnisches „Ostpreußenlied“ gesungen wurde. Jochen Buchsteiners Liebe zu Landschaft und Kultur der jahrhundertelangen Heimat seiner Familie ist auf jeder Seite zu spüren: Ostpreußen „war und blieb ein fast mythischer Ort, wie es im heutigen Deutschland keinen mehr gibt“.
Lutz Lenz hatte eine Mutter, die auch aus Ostpreußen fliehen musste, und begleitete sie später auf einer Reise in ihre alte Heimat. Als freier Journalist genießt er Lesen und Leben in Südfrankreich (Labeyriebnb.com).
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24,00 €
Jochen Buchsteiner, geboren 1965, studierte Politikwissenschaften und Allgemeine Rhetorik. Er war Parlamentskorrespondent der ZEIT und berichtete danach 20 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Südasien, dem Indopazifik und Großbritannien. Heute arbeitet er als Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wieder in Berlin.